Um einen Einblick in unsere Arbeit zu geben, haben wir die
Anfertigung einer Herren Rokoko-Hofrobe etwas dokumentiert, genauer gesagt,
eine Hofrobe im Stil Louis XVI, noch genauer, nach einem Portrait des
französischen Königs, gemalt um 1774 /1775 von Duplessis.
Allerdings geht es hier nicht um eine 1:1 Kopie, was auch
bei diesem Gemälde etwas schwierig wäre, da man nur einen Ausschnitt der
Garderobe sehen kann, sondern mehr um eine künstlerische Umsetzung im Stil der
Zeit.
Diese Dokumentation soll auch einen möglichen Weg aufzeigen,
welche Schritte man beachten sollte, wenn man sich eine solche Garderobe
zulegen möchte.
Auch beantworte ich hier die wohl interessanteste Frage –
was kostet eigentlich so eine Garderobe ?
Wohlgemerkt, die Garderobe wird in Eigenarbeit angefertigt.
Diese Hofrobe hat einen reinen Materialwert zuzüglich Accessoires
wie Hut, Schuhe, Perücke usw. von ca. 1500 Euro , ließe man sich diese Robe
anfertigen in der gleichen Qualität, also in Bezug auf Materialien und echte
Handstickereien, dann darf man den Betrag getrost vervierfachen oder
verfünffachen.
Dieses Ergebnis ist mit Sicherheit erst einmal abschreckend.
Aber es soll auch zeigen was man bedenken muss, wenn man den
Adel allein von der Kleidung einigermaßen glaubwürdig darstellen will.
Es muss auch einfach klar sein, dass solch eine Garderobe
nicht für ein paar Euro zu haben ist, es ist eben etwas Besonderes.
Die Garderobe eines einfach Herren, ist natürlich um ein
vielfaches preiswerter.
Wie wir immer wieder betonen, sind wir keine Dogmatiker und
versuchen bestenfalls uns an die historischen Vorbilder anzunähern.
Aber wir erwarten, dass man den Stand, den man verkörpern
möchte, sowohl von seiner intellektuellen Bildung (Honnêteté) als auch
von der Kleidung zumindest ansatzweise glaubwürdig darstellen kann.
Daher raten wir jedem klein anzufangen, eine historisch
korrekte Erstausstattung für den Herren, kann man mit unseren Bezugsquellen und
Anleitungen für knapp 500 Euro bekommen. Lässt man anfertigen dann sollten man
mit dem doppelten Betrag rechnen. Jedoch hat man dann eine vollständige
Garderobe auf Renactment-Niveau!
Damen kommen sogar noch viel günstiger weg.
Man sollte auch noch erwähnen, dass diese Ausstattung in
Bezug auf Accessoires, über Jahre hinweg „gewachsen“ und mühevoll
zusammengetragen wurde, somit verteilten sich die Anschaffungskosten, gerade
für die Accessoires auf Monate und Jahre.
Die Kosten für diese selbstangefertigte Robe sind im besten
Falle nur ein ungefährer Richtwert, da z.B. schon mal Arbeitsstunden nicht
berechnet werden, sondern nur das Material.
Außerdem wurden auch sehr wertvolle Materialien verwendet, wie z.B.
handgewebtes Leinen als Innenfutter des Fraque. Dieser wertvolle Stoff befand
sich seit Jahrzehnten im Besitzt meiner Familie und es ist im Grunde unmöglich,
dafür einen Wert in Euro zu bemessen.
Der 1. Schritt
Als erstes muss man sich natürlich für ein Modell
entscheiden.
Man sollte sich zuerst einmal darüber klar werden, welche
Epoche es genau werden soll, denn danach richten sich natürlich auch alle
Accessoires.
Nichts ist übler, als bunt zusammengewürfeltes, gerade
Schuhe, Perücke und Hut sollten passen und nicht aus mehreren Zeitperioden
zusammengestellt werden.
D.h., dass ich zu einer Garderobe aus der zweiten Hälfte des
18. Jahrhunderts keine Allongeperücke und / oder Schuhe mit hohen Absätzen
trage usw.
Wir empfehlen für Einsteiger die Mitte des 18. Jahrhunderts.
Zum einen sind in dieser Epoche (Friedrich der Große, der 7jährige Krieg etc.)
die meisten Gruppen aktiv und es ist relativ leicht hierfür die passenden
Accessoires und Materialien zu bekommen, gerade auch Reproduktionen.
Als Vorbild für die eigene Garderobe gibt es im Grunde 3
Möglichkeiten:
Erhaltene, historische Originale nachzuarbeiten, wie man sie
z.B. in Ludwigsburg und anderen Museen bewundern kann, nach Gemälden, vielleicht
auch Stichen oder aber völlig nach eigenem Geschmack.
Letzteres würde ich dem Einsteiger nicht empfehlen, da erst
über die Jahre ein sicheres Stilempfinden für diese Kleidung entsteht. Was
dabei heraus kommt, wenn einfach nur nach Gutdünken gearbeitet wird, kann man
auf den einschlägigen Barockfesten sehen.
Wir arbeiten also nach einem Gemälde, das aber auch noch
reichlich Raum für eigene Ideen lässt. Die Wahl fiel auf das wunderschöne
Portrait des jungen Louis XVI das von Duplessis 1774 bis 1775 gemalt wurde. Das
Gemälde existiert in mehreren Fassungen, die Berühmteste, mit dem weißen Rock,
sollte es sein. (Es existiert auch eine Version mit fliederfarbenem Rock und
eine weitere mit einem blauen Rock, diese wurde jedoch nie fertiggemalt)
Bei der Auswahl des Gemäldes sollte man immer im Blick
behalten – ist die heutige Umsetzung überhaupt machbar, und vor allem auch
bezahlbar ?
Bekomme ich die Materialien ? Gibt es eine Bezugsquelle für
passende Accessoires ?
Diese Fragen kann man natürlich nur beantworten, wenn man schon eine
gewisse Orientierung in Sachen Bezugsquellen hat, oder zumindest jemanden an der
Hand hat, der sich auskennt.
Der 2. Schritt
Es folgt die Analyse, welche Schnitte sind für diese Zeit
passend, was für ein Material ist erkennbar.
Wir benutzten historisch verbürgte Schnitte aus der
entsprechenden Epoche.
Also einen Schnitt für den Frack der 1770er Jahre, einen
passenden Westen- und Hosenschnitt. Ein Hemd mit üppigem Jabot wird ebenfalls
angefertigt.
Nun zum Material.
Der Frack ist aus weißem Samt, die Aufschläge und die Weste
sind aus weißer Seide die reich bestickt sind.
Die Hose war sicherlich auch aus Samt, wir werden jedoch
farblich passende Wolle nehmen, da Samt für Hosen extrem undankbar ist und
innerhalb kürzester Zeit im Schrittbereich abgerubbelt ist, weißer Seidentaft scheidet
ebenfalls aus - man denke nur an mögliche Flecken...
Farblich passendes Wolltuch die beste Lösung – da auch
waschbar.
Für die Aufschläge und die Weste verwenden wir reinen
Seidentaft in gebrochenem weiß. Der Frack wird aus weißem Baumwollsamt
gefertigt. Damals nahm man sicherlich Seidensamt.
Das Hemd wird aus feinem Leinen gefertigt, die Halsbinde
hingegen auch aus Seidentaft.
Für die Perücke haben wir uns für einen Haarbeutel aus
schwarzem Taft entschieden.
Das Futter des Fracks sollte immer Leinen sein, was damals
auch bei allen Ständen der Standart war. Man kann auch die Schöße aus Seide
ausführen, aber in unserem Fall benutzen wir das edle handgewebte Leinen.
Der 3. Schritt
Nun sollte man sich mit den benötigten Accessoires
auseinandersetzen.
Was wird benötigt ? Woher bekomme ich es.
Entsprechende Bezugsquellen finden unsere Mitglieder auf dem
Info-Blog.
Checkliste:
- Dreispitz aus Wollfilz
- Schuhe (am frz. Hof noch ganz sicher mit roten Absätzen)
- passende Schuhschnallen (wir haben das Glück, originale
Schuhschnallen aus dem 18. Jahrhundert zu besitzen):
- Halsbindenschnalle
- Knieschnallen
- Die Perücke (ich verwende ausschließlich Kunsthaar, aus
ethischen Gründen), allerdings extrem hochwertig. Die Perücke lässt sich nach
Belieben frisieren und entspricht selbst vom Preis Echtharr- oder
Büffelhaarperücken, letztere sind auch noch eine gute Alternative zu Echthaar.
- Die Orden die Louis XVI trug:
Ordre du Saint Esprit (gestickter Bruststern / Ordensband
und Kleinod)
Das Ordensband zum Ordre du Saint-Esprit wurde aus
Kostengründen nicht aus echtem Seidenmoire gefertigt, sondern aus
Baumwollmoire, welcher optisch relativ ähnlich ist (gemeint ist die
Holzmaserung)
Da der benötigte Farbton aber nicht hergestellt wird, wurde
der Stoff entsprechend per Hand gefärbt.
Das Band wird aber irgendwann durch echten Seidenmoire
ausgetauscht.
- Orden vom goldenen Vlies (spanische Variante) von mir mit
einem Schmuckelement (ca. 1900) aus Strass ergänzt.
- Ordre de Saint Louis (zwar nicht auf diesem Gemälde zu
sehen, aber Louis XVI war auch hier Träger und natürlich Großmeister des
Ordens)
Auf späteren Bildern ist der Orden immer zu sehen, daher
übernehme ich dies auch hier.
- weiße Seidenstrümpfe
- Degen, Replik nach einem englischem Hofdegen aus der
zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts
- Gürtel und Degengurt
Schritt 4:
Wir beginnen mit dem Hemd.
Die Einzelteile werden ausgeschnitten und versäubert.
Nun werden die Teile zusammengenäht und das Hemd ist fast
fertig.
Für dieses Hemd benutzen wir für das Jabot und die Bündchen
bestickte Baumwollspitze die im Stil des 18. Jahrhunderts angefertigt /
reproduziert wurde.
Wem das Anfertigen eines Hemdes zu aufwendig ist, dem sei die
Seite Jas Towns empfohlen, hier kann man sich historisch korrekte Hemden zum
kleinen Preis bestellen, auch komplette Garderoben die für den Einsteiger
völlig ausreichend sind.
Die Halsbinde wird aus Seidentaft gefertigt und in Falten
gebügelt. Hier kann man, wenn man will unendlich viele Falten legen, was aber
durchaus knifflig ist.
Die Enden der Halsbinde sind aus Leinen und werden mit der
Halsbindenschnalle im Nacken geschlossen.
Der 5. Schritt
Nun folgt die Culotte, die Kniehose
Die Einzelteile werden ausgeschnitten und zusammengenäht.
Die Knöpfe an den Hosenbeinen und an der Frontklappe werden
natürlich aus dem gleichen Stoff mit der Hand bezogen.
(da man nun schon zwei fertige Kleidungsstücke hat, sollte sich ein
Erfolgserlebnis einstellen ;-) )
Der 6. Schritt
Nun folgt der aufwendigste und langwierigste Schritt: die
Stickerei auf Weste und Ärmelaufschlägen.
Zuerst wird die Frontseite der Weste auf den Seidentaft
gezeichnet, aber nicht ausgeschnitten.
Ebenso die Taschenklappen und Ärmelaufschläge.
Nun beginnen wir mit der Handstickerei.
Man kann (es ist historisch aber falsch) einen feinen Stoff,
Baumwollbattist oder feines Leinen unterlegen beim Sticken.
Als ersten Schritt wird die „Goldborte“ und die großen
Knopflöcher gestickt, sie geben der Weste die Konturen. Hier ist also keine
Plastikgoldborte aufgenäht, sondern alles komplett gestickt!
Auch die Taschenklappen und die Ärmelaufschläge werden mit
dieser Goldborte versehen.
Natürlich verwenden wir kein echtes Goldgarn.
(D ziehe ich für mich ganz klar die Grenze, diese Kleidung
wird angefertigt um damit Spaß zu haben und nicht um sie in einen Safe
einzuschließen).
Und dann müssen natürlich auch noch die Knöpfe für den
Fraque bestickt werden.
Es kann auch sein, dass Louis XVI goldene Knöpfe trug,
jedoch ist es recht schwer passende und nicht kitschige Knöpfe zu finden.
Daher nutzen wir einfache Plastikknöpfe (damals waren sie
meist aus Holz) und beziehen sie mit handbestickter Seide.
Die Weste bekommt reich verzierte Knöpfe aus Glas.
Auch wenn es historisch nicht ganz richtig ist, in der Regel
waren an zivilen Westen Knöpfe mit Stoff bezogen, aber diese Knöpfe sahen so
fantastisch aus, dass ich sie unbedingt verwenden wollte.
Handstickerei mag extrem aufwendig sein, das Besticken
dieser Teile nahm 6 volle Monate in Anspruch. Jeden Tag wurden mehrere Stunden
auf die Stickerei verwendet.
Ist die Stickerei abgeschlossen, so werden die Einzelteile
ausgeschnitten und die Weste zusammengenäht.
Die Frontseite der Weste kann mit Rosshaar verstärkt werden, ist aber
hier nicht nötig gewesen, da durch die extrem reiche Stickerei der Stoff eine
gewisse Starrheit bereits aufwies.
Aber die Handstickerei ist der Maschinenstickerei haushoch
überlegen, zumal die vielen Anbieter, die diese „historischen“ Stickereien
anbieten, in den seltensten Fällen auch nur annähernd den Stil der damaligen
Zeit treffen und im Vergleich mit echter Handstickerei fällt Maschinenstickerei
immer gnadenlos ab.
Wir sagen – bevor man für so etwas viel Geld ausgibt, lieber
weglassen oder eben selbst machen, vorrausgesetzt man hat ein Interesse daran,
dass es möglichst stilecht ist.
Oder man versucht jemanden zu finden, der mit der Maschine originale
kopieren kann.
Der 7.Schritt:
Es folgt nun endlich der Frack.
Das Futter entspricht 1:1 dem Schnitt des Oberstoffes und
ist in unserer Fassung komplett aus dem handgewebten Leinen.
Eine andere Möglichkeit kann sein, die Schöße mit Seide zu
füttern, und nur den Rest aus Leinen zu fertigen.
Da ich aber dieses handgewebte Leinen zu Verfügung hatte,
und dieses 100 mal wertvoller als Seidentaft ist, wurde das Futter natürlich
aus diesem edlen Material gefertigt.
Etwas knifflig ist das Legen der Falten bei den Schößen.,
gerade auch wegen dem Samt.
Als letzte Tat werden dann die handbezogenen Knöpfe
aufgenäht.
Nach mehr als einem halben Jahr Arbeit ist die Garderobe nun vollendet
und kann ausgeführt werden.